Noch ein Messerangriff - Praxisstudie

Gauting bei München 12.Januar 2010. Auszug aus einer Meldung von ddp. Mit einer Messerattacke eskalierte in Gauting im Kreis Starnberg ein schon länger währender Nachbarschaftsstreit. Wie die Polizei am Dienstag mitteilte, griff ein 61-Jähriger seinen 54 Jahre alten Nachbarn ohne Vorwarnung mit zwei Küchenmessern an,als dieser die Treppe des Hauses hinaufging.  Das Opfer wurde mit zwei Stichwunden im Brustbereich in ein Krankenhaus gebracht. Angaben der Ermittler zufolge soll es zwischen den beiden Männern «einen schon länger schwelenden Nachbarschaftsstreit» gegeben haben. Gegen den 61-Jährigen wird wegen versuchter Tötung ermittelt.

Analyse des Messerangriffs

Wieder erkennen wir hier ein typisches Merkmal eines realen Messerangriffs. Der Angriff fand ohne Vorwarnung statt. In diesem Falle sogar mit 2 Messern gleichzeitig (!).  Das Opfer hatte keine Möglichkeit den Angriff wahrzunehmen. Eine Messerabwehr war durch den Überraschungseffekt nicht möglich, ebensowenig eine Entwaffnung des Angreifers. Messerentwaffnungen funktionieren in der Praxis ohnehin nur höchst selten. Bei 2 gleichzeitig eingesetzten Messern ist das praktisch unmöglich.

Wie wird die Messerabwehr üblicherweise trainiert?  Nun, normalerweise weiß der „Verteidiger” im Training

  • daß ein Messer im Spiel ist,
  • er kennt den bevorstehenden Angriff,
  • der „Angreifer” setzt nur die Messerhand ein und,
  • tut so als wenn er die andere Hand, oder seine Füße nicht für einen begleiteten Zusatzangriff etc. verwenden könnte.

Das ist im Grunde eine Duellsituation mit definierten Regeln und Gegebenheiten, wie die Kenntnis des bevorstehenden Angriffs, perfekter örtlicher Beschaffenheit (Hallenboden, Licht etc.).  In Verbindung mit ein paar anderen festgelegten Rahmenbedingungen (Angriffswinkel, Bewegungsmuster, Übungsablauf etc.) führt das zur Fehleinschätzung, dass man mit Übung und Know How, oder dem „richtigen Kampfstil”, jeden Messerangriff unbeschadet und sicher abwehren könnte. So wie im Film halt. Aber das ist Illusion wie der Film selbst.

Ein Messerangriff läuft in Wirklichkeit ganz anderes ab.

  • Du bemerkst die Waffe häufig erst wenn es zu spät ist, d.h. du schon verletzt bist.
  • Die Umstände und die Bewegungsabfolge sind niemals so wie im Training.
  • Du weisst nicht wann, und aus welchem Winkel der Angriff erfolgt.
  • Du weisst nicht ob ein Stich oder Schnittangriff erfolgt.
  • Der Angreifer setzt die andere Hand oder seine Füße aggressiv mit ein, und trägt den Angriff mit höchster Geschwindigkeit und Vehemenz vor.
  • Eigentlich ist es nicht ein Angriff sondern eine blitzschnelle Serie von Angriffen, die aus verschiedenen Winkeln auf dich einprasseln.

Ein Treffer mit dem Messer und du bist in deiner Verteidigungsfähigkeit schon eingeschränkt. Aber im Gegensatz zu deinem Partner im Selbstverteidigungstraining hört der Angreifer jetzt nicht auf sondern macht schonungslos weiter, bis du kampfunfähig oder tot bist. Dann flüchtet er.

Erfolgreiche Messerabwehr ist durchaus möglich. Es gibt Konzepte die das ermöglichen. Es gibt aber keine Garantie für den Erfolg, und wenn du 30 Jahre lang so was trainierst.  Die Wahrscheinlichkeit, daß du dabei Verletzungen davonträgst oder dabei stirbst ist sehr hoch. Glaube daher nicht alles was du im Film siehst bzw. was man dir unter den perfekten Trainingsbedingungen als Patentlösung vorgaukelt.  Die beste Messerabwehr ist Flucht.

Tags:Angreifer, Küchenmesser, Messer, Messerangriff, Opfer, professionelles Sicherheitsmanagement, Selbstverteidigung, Streit

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