Messer-Attacke in der SB-Bahn München - Fallstudie
Auszug einer Meldung der tz [...] 28.02.2010. Das hätte tödlich enden können: In der S7, nicht weit von jener Stelle, wo Dominik Brunner zu Tode geprügelt wurde, hat ein Schüler (17) auf einen 16-Jährigen eingestochen! Auslöser der Tat war ein belangloser Streit, den der Täter J. selbst provoziert hatte [...]. In der Nacht zum Samstag war der 16-jährige Schüler mit fünf Freunden kurz vor 1 Uhr in die S-Bahn Richtung Wolfratshausen gestiegen. Die Gruppe beobachtete, wie sich der angetrunkene J. mit seiner Freundin lautstark stritt. Der 16-Jährige drehte sich zu dem streitenden Paar um. J. herrschte ihn an, er solle sich nicht einmischen. Nach einem kurzen Wortgefecht beruhigte sich die Lage zunächst wieder.
Vor der Haltestelle Mittersendling ging der Täter plötzlich auf die Schülergruppe zu. Er zog ein Springmesser, das er demonstrativ aufschnappen ließ! Während er damit herumfuchtelte, versuchten die Schüler ihn zu beruhigen. Sie machten ihn auf die Kameras in dem Zug aufmerksam. Doch das interessierte den Täter nicht. Urplötzlich stach er auf den Kopf des 16-jährigen ein. Der konnte noch ein Stück ausweichen, so dass ihn die Klinge oberhalb des linken Auges traf und eine blutende Schnittwunde hinterließ.
Dann stieg der Täter mit seiner Freundin aus. [..] Noch am Bahnsteig wurde er von Mitarbeitern der Bahnsicherheit festgenommen. Dabei leistete er erheblichen Widerstand, ebenfalls gegen die alarmierten Polizeibeamten, die er auch noch massiv beleidigte. Er hatte 1,36 Promille Alkohol im Blut.
Das Opfer und seine Freunde stiegen eine Haltestelle später aus und riefen die Polizei. Die Wunde des 16-Jährigen musste in der Klinik genäht werden.[...]. Gegen den Täter erließ ein Richter Haftbefehl wegen versuchten Totschlags.
Analyse des Vorgangs
Die häufige Kombination von geladener Emotion (Wut) & Alkohol ist auch in diesem Falle wieder gegeben. Zwischen dem Täter und der Gruppe des Opfers gab es eine kurze offenkundig spannungsgeladene Diskussion. Die kurze Ruhe danach erwies sich als trügerisch. Der Täter wandte sich der Gruppe wieder zu und drohte mit einem Springmesser. Das ist keineswegs so häufig wie man denkt, in der Regel bemerkt das Opfer das Messer erst wenn es zu spät ist und es schon erste Verletzungen davon getragen hat.Wer das Messer zeigt will üblicherweise drohen und einschüchtern. Es ist nicht, oder noch nicht auf dem „Angriffstrip”. Der darauf folgende Deeskalationsversuch verlief ergebnislos. Der 16-jährige hatte in diesem Falle enormes Glück, denn er wich dem Angriff instinktiv aus, andernfalls hätte er erblinden oder auch sterben können.
Anmerkungen zur Deeskalation
- Der der Hinweis auf die Kameras wirkte auf den keineswegs deeskalierend, sondern eher als Herausforderung.
- Was genau gesagt wurde ist mir nicht bekannt, jedoch ist bei der Deeskalation neben der Körpersprache auch die Wortwahl von großer Bedeutung. Aufforderungen wie beispielsweise „beruhige dich doch” wirken nicht deeskalierend, denn sie implizieren dass der Agressor die Lage nicht im Griff hat. Für eine erfolgreiche Deeskalation muss der Agressor das Gefühl haben er hätte gesiegt. Er muss sich als Herr der Lage, als Sieger, fühlen. Das war hier offenkundig nicht der Fall. Die Verbindung von Wut und Alkohol reduzierte die ohnehin niedrige Hemmschwelle und löste eine Angriffsreaktion aus. Dies wird auch durch den erheblichen Widerstand untermauert den der Täter bei seiner Festnahme leistete.
Schwerer taktischer Fehler
Dieses Mal stand ein (bewaffneter) Agressor gegen eine Gruppe. Dies führte offenbar zur falschen Einschätzung der Situation. Die Gruppe gibt ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Wieso trügerisch? Ein entschlossener Angreifer mit einem Messer kann in weniger als 5 Sekunden 2-3 Leute verletzen oder gar töten. Die Gruppe stellt somit, -insbesondere für den oder die Wortführer - keinerlei Schutz dar. Sobald Blut fliesst, werden in den meisten Fällen die anderen Gruppenmitglieder keine große Lust aufs Kämpfen zeigen, sondern sich instinktiv eher um Ihren Kameraden kümmern. Im Ernstfall ist auch die Bereitschaft gegen ein Messer anzutreten auch deutlich geringer als in einer Trainingssituation. Der „urplötzliche” Angriff zeigt zudem auf, daß die Distanz maximal 1-2 Schritte betrug. Eine erfolgreiche Messerabwehr ist unter solchen Umständen nur sehr schwer möglich. Alles unter 5 -7 Schritten Abstand ist hochriskant.
Was wäre in so einem Falle die bessere Alternative? Nun, wenn du jemals mit einem Messer bedroht werden solltest, es darum vor dem Angriff siehst (!), dann ist sofortiger Rückzug (Flucht!!) ohne viele Worte angesagt. Das ist in solchen Fällen, die bei weitem beste Abwehr und Deeskalation zugleich. Danach solltest du die Polizei unter Angabe möglichst genauer Fakten und Täterbeschreibung verständigen. Fühle dich nicht in einer Gruppe sicher, im Zweifelsfalle bist du als erster dran.
Das Führen von Springmessern und Einhandmessern ist übrigens verboten. Das war dem Täter auch egal. Dies ist auch ein Beweis für die fragwürdige Wirkung so mancher waffenrechtlicher Vorschriften. Gewaltbereite Zeitgenossen kümmern sich nicht um Gesetze und Verordnungen.
Tags:Angreifer, Gewalt, Messer, Messerangriff, Opfer, professionelles Sicherheitsmanagement, Selbstverteidigung
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