Fallstudie: Messerstecherei im Auto - L1141 für Stunden gesperrt
Aus aktuellem Anlass wieder einmal eine Fallstudie. Auszug aus einer Meldung von Stimme.de. [...] Unterriexingen - Am Samstag [07.08.2010] gegen 11 Uhr fuhren ein 44-Jähriger Italiener und ein 38-Jähriger Kroate im Mercedes Vito des 44-Jährigen von Unterriexingen nach Markgröningen. Während der Fahrt kam es zwischen den beiden zu einem handgreiflichen Streit, infolge dessen das Fahrzeug von der Fahrbahn abkam und im Straßengraben stecken blieb.
Der Vorfall
Im Verlaufe des Streits zog der 44-Jährige, der das Fahrzeug gelenkt hatte, dann ein Teppichmesser (!!) und verletzte damit den 38-Jährigen, der auf dem Beifahrersitz saß, zunächst lebensgefährlich am Hals. Als unmittelbar nach dem Unfall mehrere Verkehrsteilnehmer anhielten, um zu helfen, fand im Fahrzeug noch immer ein Kampf zwischen den beiden statt (!!). Die Verkehrsteilnehmer konnten den Fahrer jedoch mit vereinten Kräften, unter anderem durch den Einsatz einer Schaufel (!!), von weiteren Übergriffen abhalten und bis zum Eintreffen der Polizei in Schach halten.
[....] Der 38-Jährige Kroate wurde mit dem Rettungshubschrauber ins Klinikum Ludwigsburg eingeliefert, wo er sofort notoperiert wurde. Am Sonntagnachmittag starb er jedoch an der Folge seiner Verletzungen. Der 44-Jährige wurde von Beamten des Polizeireviers Vaihingen/Enz, die mit mehreren Streifen im Einsatz waren, noch an Ort und Stelle festgenommen. Das Fahrzeug wurde zur Spurensicherung sichergestellt. Im Rahmen der Spurensicherung am Tatort war die L1141, die Verbindungsstraße zwischen Markgröningen und Unterriexingen, für über zwei Stunden voll gesperrt.
Nach den bisherigen Feststellungen der Kriminalpolizei Ludwigsburg, welche die Ermittlungen am Samstag übernommen hat, liegt der Hintergrund für die Auseinandersetzung im privaten Bereich. Demnach handelt es sich bei dem 38-Jährigen um den aktuellen, bei dem Italiener um den ehemaligen Lebensgefährten einer 39-Jährigen aus Markgröningen. Diese hatte sich von ihm getrennt und war eine Beziehung mit dem Kroaten eingegangen, womit der Italiener jedoch nicht einverstanden war. Dieser hatte daraufhin am Samstag, auf einer Fahrt nach Markgröningen, den Kroaten an einer Bushaltestelle in Unterriexingen stehen sehen und ihn gebeten, in sein Fahrzeug zu steigen, um ein klärendes Gespräch zu führen. Kurz nach Beginn der Fahrt war es dann aber zu dem Streit gekommen [.........] .
Die Analyse
Wieder einmal ein geradezu klassischer Fall. Eine fatale Beziehungskiste, 2 Männer streiten sich um eine Frau, der Ex mit dem Neuen. Die emotionale Spannung ist entsprechend hoch. Die Beteiligten sind auch noch Südländer, was im Hinblick auf Messerangriffe im Allgemeinen und insbesondere in diesem Fall völlig bedeutungslos ist. Solche Vorfälle sind nicht auf Nationalitäten beschränkt, sie kommen überall vor. Bemerkenswert sind dabei die speziellen Tatumstände.
- Der Streit brach in einem fahrenden Auto aus.
Die Kampfdistanz betrug damit weniger als 1 Meter, offenkundig auf Armeslänge. - Der Täter zog ein Teppichmesser (!).
- Er griff den Beifahrer damit an, und verletzte ihn schwer am Hals.
- Obwohl das Auto durch denn Kampf im Straßengraben landete, ging der Kampf weiter.
- Der Täter kämpfte so verbissen, dass mehrere Zeugen (!!) hatten erhebliche Probleme ihn zu bändigen, sie mussten sogar eine Schaufel, also eine Behelfswaffe (!) einsetzen [= NOTHILFE !!].
- Das Opfer starb trotz Rettungshubschrauber und Notoperation.
Erkenntnis aus dem Vorfall
- Teppichmesser, Boxcutter sind Werkzeuge und unterliegen keinem Waffengesetz.
- Die Klingenlänge bei diesen Schnittwerkzeugen ist in der Regel kleiner 3 cm.
- Wenn man sie als Schnittwaffe verwendet sind sie genauso gefährlich wie ein „richtiges Messer”.
- Es gibt keine harmlosen Schnitt- oder Stichwerkzeuge, bzw. keine harmlosen Messer.
- Angriffe mit Schnitt- und Stichwaffen werden mit größter Aggressivität und Vehemenz vorgetragen.
- Die erfolgreiche Abwehr eines Stich- bzw. Schnittangriffs ist auf so beengtem Raum bzw. auf so kurze Distanz - in Verbindung mit der eingeschränkten Bewegungsfähigkeit des Verteidigers - nahezu unmöglich. So eine Situation ist der blanke Albtraum.
- Wer unter solchen Umständen zuerst die Waffe zückt und aggressiv und entschlossen angreift wird in über 90 % der Fälle „obsiegen”.
- Die tollen eindrucksvoll aussehenden Abwehrmethoden wie sie in den klassischen Kampfkünsten bzw. im üblichen Selbstverteidigungskursen gelehrt werden funktionieren zumeist ohnehin nicht, auf so kurze Distanz erst recht nicht. Der Versuch irgendwelche Hebel oder Festhaltetechniken, bzw. „Tricks” anzuwenden kommt einem Todesurteil gleich. In Anbetracht des hohen Stresslevels bist du dazu motorisch auch gar nicht in der Lage.
- Es gibt keine Methode die in so einer Situation die erfolgreiche Abwehr, dazu evtl. noch ohne irgendwelche Verletzung garantiert.
- Die einzige und durchaus winzige Chance in so einem Fall besteht darin Kopf und Hals mit der Außenseite der Unterarme zu schützen und damit Schnitte abzufangen und die gegnerische Waffenhand seitlich abzulenken. Sofern das überhaupt gelingt hast du nur maximal (!!) 1-2 Sekunden Zeit entschlossene Stöße zu den Augen bzw. zum Hals oder Kehlkopf des Gegners auszuführen. Es geht darum seine Sicht bzw. seine Atmung zu beeinträchtigen und seine Koordination sowie seinen Kampfeswillen auszuschalten. Das kann beim Angreifer zu bleibenden Schäden oder gar seinem Tod führen. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel ist hier gegeben. Das ist keine Schlägerei sondern ein Kampf auf Leben und Tod. Siehe hierzu auch die Ausführungen im Artikel „Notwehr & Nothilfe”. Solltest du das überstehen, wirst du in jedem Falle stark bluten, man wird dich an mehreren Stellen nähen müssen, dein Gegner ist möglicherweise schwer verletzt oder tot. Eventuell wirst du bleibende Schäden in Form von Narben im Gesicht oder eingeschränkte Beweglichkeit in den Händen oder den Armen davontragen. Zusätzlich wirst dann der Polizei und dem Staatsanwalt sehr gründlich Rechenschaft über den Vorfall und deine Handlungsweise ablegen müssen.
Ein Messerangriff gehört zu den brutalsten und gefährlichsten Formen der Gewaltanwendung. Da ist nicht schön und elegant wie in den Kampfkunstvorführungen. Gewalt ist schmerzhaft, gefährlich und abstoßend. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wirst du Verletzungen davontragen. Die beste Schutztechnik ist Vermeidung bzw. sofern möglich Flucht. Alles andere ist bestenfalls Schadensminderung.
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