Der Unterschied zwischen Kampfkunst, Kampfsport und Selbstverteidigung

Diese drei Begriffe werden oftmals miteinander verwechselt bzw. fälschlicherweise in einen Topf geworfen. Tatsächlich handelt es sich aber um völlig unterschiedliche Konzepte die sich in der Zweckrichtung und auch der Trainingsmethodik deutlich voneinander unterscheiden. Im Rahmen dieses Artikels soll daher versucht  werden die Unterschiede zu verdeutlichen und einen Beitrag zur Klärung zu leisten. Der Fokus liegt auf der Darstellung der wesentlichen Unterschiede dieser Konzepte, ohne hierbei zu sehr ins  Detail zu gehen, und anhand der Unterschiede die generellen Anforderungen an ein effektives Selbstverteidigungssystem darzustellen. Es geht hier nicht darum für ein spezielles System oder einen Anbieter zu werben, oder einzelne Stile oder Sportarten zu verunglimpfen,  sondern objektiv die Unterschiede darzustellen und die Stärken und Schwächen  dieser Konzepte  im Kontext einer Selbstschutzstrategie darzustellen. Kritisch angemerkt sein an dieser Stelle jedoch, dass aus kommerziellen Erwägungen heraus mit diesen Begriffen häufig Schindluder getrieben wird. Eine ganze Industrie lebt davon dass diese Konzepte in deren Werbung ein und dasselbe dargestellt werden. Der unbedarfte Interessent braucht manchmal Jahre um festzustellen, dass er nicht das bekommt was er sich erhofft.  Er verliert nicht nur Zeit sondern häufig auch viel Geld. Hier wäre mehr Ehrlichkeit wünschenswert.

Kampfkunst

Eine typische  Kampfkunst wie z.B. Karate, Judo,  Aikido, oder Taekwondo hat ihren Ursprung zwar in der Selbstverteidigung, jedoch hat sich der Schwerpunkt im Laufe der Generationen durch philosophische Einflüsse wie z.B. ZEN etc. grundsätzlich geändert. In der reinen Selbstverteidigung kämpft man ausschließlich gegen den äußeren Gegner, den Aggressor. In der  Kampfkunst  geht es vor allem um den Kampf mit sich selbst! Sie ist eine Methode um sich selbst kennen zu lernen, und seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Die Zweckrichtung einer traditionellen Kampfkunst wie z.B. Karate ist:

  • Selbstbewusstsein
  • Ausgeglichenheit und innere Ruhe
  • Körperliche Fitness
  • Gutes Sozialverhalten (Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Teamgeist etc.)

Eine Kampfkunst beinhaltet auch Techniken für die Selbstverteidigung (dem Kampf mit dem äußeren Gegner), diese sind jedoch nicht die primäre Ausrichtung. Selbstverteidigungsaspekte sind eher ein Beiwerk. Zudem sind die dort gelehrten Techniken nur begrenzt „straßentauglich”.  Bevor ein reiner Kampfkünstler das Selbstverteidigungspotential seiner Disziplin ausloten und umsetzen kann vergeht, für den praktischen Gebrauch zu viel Zeit. Viele Techniken und Kombinationen sind vor allem im historischen Zusammenhang zu sehen und heute oftmals nicht  zeitgemäß. Eine Kampfkunst zu betreiben heißt auch sich auf ein langwieriges Training einzulassen. Die Selbstverteidigung an sich  ist hier absolut nebensächlich, was sich sowohl im technischen Repertoire, als auch in der Trainingsmethodik niederschlägt. Viele Kampfkünstler haben im Übrigen oftmals  daran auch nur ein untergeordnetes Interesse.

Kampfsport

Hier  geht es um Sport. Entsprechende Vertreter wie z.B. das sportliche Karate oder Taekwondo, sind häufig - aber nicht immer - der Ableger bzw. Teilbereiche einer Kampfkunst.  Ausnahmen sind da z.B. Sportarten wie das Kickboxen, die sozusagen eine Neuschöpfung darstellen. In jedem Falle geht es aber um Sieg oder Niederlage auf der sportlichen  Ebene. Es ist die Welt des Wettkampfs, der Punkte,  der  Meisterschaften und Pokale.  Ein sportlicher Wettbewerb ist in ein klares und strenges Regelwerk eingebunden. Vorschriften regeln welche Techniken erlaubt sind und welche nicht, wohin wann und wie geschlagen werden darf. Umstände, örtliche Gegebenheiten, Zeiträume sind eindeutig festgelegt. Häufig gibt es Gewichtsklassen. Eine Gruppe von Schiedsrichtern überwacht das Geschehen und stellt die Einhaltung der Regeln sicher. Sie vergeben Punkte und küren einen Sieger bzw. eine Siegerin. Die Teilnahme an einem Wettkampf ist freiwillig. Die Kombination aus Regelwerk, Schiedsrichtern, Schutzausrüstung und natürlich der technischen Schulung minimiert das Verletzungsrisiko, das bei Berücksichtigung der genannten Voraussetzungen nicht wesentlich höher ist als bei einem Fußballspiel. Ein Sportkampf ist ein Kampfspiel! Fairness wird großgeschrieben. Es ist eine entschärfte Duellsituation, ein athletischer Vergleich von Technik, Kraft, Kondition, Reaktion und Beweglichkeit. Es ist häufig ein durchaus ästhetisches Schauspiel. In einem Sportkampf sind demzufolge alle praktisch alle Techniken die in der Selbstverteidigung sinnvoll wären entweder verboten, oder im Hinblick auf das Punktereglement sinnlos. Sowohl die Situation an sich, die Taktik und die Techniken unterscheiden sich grundlegend von einer realen Kampfsituation auf der Straße. Im Sport geht es ausschließlich um Punktrelevanz.

Die Grenzen zwischen Kampfkunst und Kampfsport sind fließend. Die Wettkampfphase stellt insbesondere für jüngere Kampfkünstler in der Regel eine temporäre Phase dar. Der Kampfkünstler soll lernen, sich Herausforderungen, Stress und seinen Ängsten zu stellen und den Umgang mit Sieg und Niederlage zu lernen. Kampfsport ist daher auch eine Teilmenge der Kampfkunst und im Übrigen eine relativ neue Erscheinung. Karatemeisterschaften gibt es beispielsweise erst seit ca. 50 Jahren. Sowohl der Kampfsport, als auch die Kampfkunst, sind eine freiwillige Angelegenheit bei der die Gegebenheiten wie Ort, Zeit, Ablauf etc. von vorneherein feststehen (z.B. Trainingsraum,  Austragungsstätte des Wettkampfs etc.).

Selbstverteidigung

In der Selbstverteidigung geht es um die Wahrung der körperlichen Unversehrtheit sei es für sich selbst oder den Schutz anderer. Es geht um die Abwehr von brutaler  Gewalt, üblicherweise auf der Straße aber auch in anderem Zusammenhang wie z.B. bei häuslicher Gewaltanwendung. Im Unterschied zur Kampfkunst und dem Kampfsport ist die „Teilnahme” an einer Selbstverteidigungssituation, also einem realen Kampf üblicherweise höchst unfreiwillig. Ort, Zeit und Umstände sind unbekannt und werden zumeist vom Angreifer vorgegeben. Das heißt die Summe aller Gegebenheiten ist für den Verteidiger häufig ungünstig. In einem wirklichen Kampf geht es nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um Entkommen bzw. ums blanke Überleben. Eine Niederlage bedeutet hier nicht den „zweiten Platz”  sondern häufig schwere Verletzungen mit teilweise bleibenden Gesundheitsschäden oder Tod. Es gibt keine Regeln, keine Schutzausrüstung, keine Schiedsrichter, keine Fairness oder Gnade. Der Aggressor sucht immer ein Opfer und niemals einen Gegner! Er fühlt sich körperlich im Vorteil, und ist nicht selten bewaffnet. Die Kampfsituation auf der Straße ist häufig der Hinterhalt. Ein Hinterhalt kann tatsächlich ein überraschender Angriff aus einem Versteck, aber auch aus einem verbalen Konflikt heraus sein. Auch ist eine Konstellation „mehrere Angreifer gegen einen”  nicht ungewöhnlich. Der Angst- und Stresslevel für den Verteidiger ist enorm. Ein physischer Kampf in einer realen Gefahrensituation ist nicht mit einem Sportwettkampf vergleichbar.

Daraus ergeben sich folgende wesentliche Anforderungen für ein effektives Selbstverteidigungssystem.

  • Die primäre und einzige Zweckrichtung ist der Selbstschutz.
  • Der Lern- und Trainingsaufwand darf nicht zu hoch sein. Wer hat schon 5 oder 10 Jahre Zeit um das zu lernen. Weder Polizisten noch Soldaten haben die Zeit bzw. die Möglichkeitjahrelang zu trainieren. Es gibt daher offenkundig Methoden diese Fähigkeiten schneller zu erwerben.
  • Da Angst und hoher Adrenalinausstoss den Verteidiger in seiner Reaktion und Kampffähigkeit beeinträchtigen müssen die zum Einsatz kommenden Techniken und Taktiken auf natürlichen Reflexen basieren, sowie einfach, grobmotorisch und wirkungsvoll sein. Akrobatik, Ästhetik und komplexe Abläufe sind hier fehl am Platz.
  • Es gibt keine Zeit zum Denken, alles muss instinktiv und schnell geschehen. Faustregel: Alles was im Sport verboten ist, kann auf der Straße angebracht sein.
  • Die Techniken und Konzepte müssen für Frauen und Männer, für Alt und Jung gleichermaßen anwendbar sein, ohne dass es hierbei spezieller körperlicher Voraussetzungen bedarf.
  • In Anbetracht der ungünstigen Gegebenheiten (Hinterhalt) muss ein physischer Angriff binnen 5-10 Sekunden erfolgreich abgewehrt werden, da mit zunehmender Kampfzeit das Risiko exponentiell steigt.
  • Nicht nur die Techniken und Konzepte müssen trainiert werden sondern vor allem auch die Situation.  Die geistige Einstellung, das Durchhaltevermögen, die „Niemals Aufgeben- Haltung” muss gezielt geschult und aufgebaut werden.
  • Der Einsatz von Alltagsgegenständen als Waffe, sowie grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Waffen und deren Gefahren  müssen daher vermittelt werden. Denn nur wer den Angriff bzw. die Waffe versteht kann sich dagegen schützen!
  • Fachtheoretische Ausbildung wie z.B. Notwehrrecht, erste Hilfe, aber auch Taktik, Umgang mit Zeugen, kampfpsychologische Zusammenhänge runden den Werkzeugkasten der Selbstverteidigung ab.

Selbstverteidigung im landläufigen Sinne stellt nur den letzten Schutzring einer effektiven Selbstschutzstrategie dar. Vor der Bewältigung einer Krisen- bzw. Gefahrensituation kommt deren Vermeidung. Für den Normalbürger sind bei entsprechendem Know  How ca. 90 % aller Gefahrensituationen und Übergriffe vermeidbar. Erst wenn alle Vermeidungsmechanismen versagt haben, greift die Ebene des physischen Kampfes. Mehr darüber in Kürze.

Tags:Messerangriff, professionelles Sicherheitsmanagement, Schlägerangriff, Selbstschutz, Selbstverteidigung

Verwandte Artikel

Du kannst alle Antworten zu diesem Eintrag via RSS 2.0 Feed erfolgen. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

Kommentar